SYMPHONY X
Underworld
SYMPHONY X haben es ihren Fans in den vergangenen Jahren nicht leicht gemacht. Die Progressive-Fraktion trauert immer noch dem Meisterwerk "The Divine Wings Of Tragedy" nach und bemängelt die zunehmende Härte und immer weniger eingesetzten Keyboardparts. Außerdem wurde speziell beim letzten Album "Iconoclast" das raue Organ von Russell Allen kritisiert und manch eine Rezension attestierte dem Ausnahmesänger sogar Abnutzungserscheinungen.
Für mich ist "Iconoblast" ein sehr starkes Album. Der progressive Ansatz war sicher nicht mehr so prägnant wie bei den ersten Alben, aber man muss einer Band doch auch Weiterentwicklungen zugestehen. Bei DREAM THEATER war das zu "Train Of Thoughts"-Zeiten ähnlich. Auch hier wurden wie bei "Iconoclast" die fehlenden epischen Songs und die zunehmende Härte als Hauptkritikpunkt angesehen.
Und was nun? Welche Fraktion bedient das neue Album "Underworld"? Ganz klar beide. SYMPHONY X schaffen tatsächlich den Spagat, die progressiven Höhepunkte der ersten Alben mit der Härte und Geradlinigkeit von "Paradise Lost" und "Iconoclast" zu vereinen.
"Nevermore" zu Beginn des Albums ist gleich der beste Beweis. Ein hartes Stück Metal, vereint mit einem eingängigen Refrain, der sich geradezu in die Hörgänge einfräst. "To Hell And Back" ist ein knapp 10-minütiger Progressive-Leckerbissen mit Gitarren- und Keyboardsoli für alle Freunde der ersten Alben. Ein weiterer Höhepunkt ist für mich "Charon". Ein treibender Song, ausgestattet mit einem genialen Chorus und einem Gitarrensolo das beweist, warum Gitarrist Michael Romeo zu den besten seiner Zunft zählt und seinem Vorbild YNGWIE MALMSTEEN in nichts nachsteht.
Kann es da noch Steigerungen geben? JA! Denn die beiden absoluten Höhepunkte sind die eher ruhigeren Songs "Without You" und "Swan Song". Gerade der erstgenannte ist ein Songjuwel vom Allerfeinsten und wird sich noch in vielen Jahren ähnlich dem DREAM THEATER-Klassiker "Another Day" auf meiner Playlist wiederfinden.
Muss man noch etwas zur Qualität der Musiker sagen? Gitarrist und Produzent Michael Romeo habe ich ja schon erwähnt. Der Mann spielt wirklich in der ersten Liga und schafft es dabei trotzdem, immer songdienlich zu bleiben und seine Gitarrenkünste zum Wohle des Songs unterzuordnen. Russell Allen ist in der letzen Zeit mit vielen Projekten am Start (u.a. bei LEVEL 10, ADRENALINE MOB und seinem Projekt mit JORN LANDE). Das liegt sicher an seiner enormen Flexibilität wie auch der Kraft, mit der er die Songs interpretiert. Allen ist nicht nur technisch ein Ausnahmesänger. Er fügt dem Ganzen noch so viel Power, Spirit und Soul bei, dass man hier vom fast perfekten Gesamtpaket eines Metalshouters sprechen kann. Keyboarder Michael Pinnella hört man seine klassische Ausbildung an, er liebt einfach die Verbindung von barocken Klängen mit Metal. Mit Kollege Romeo liefert er sich geniale Solobattles und verleiht dem SYMPHONY X-Sound auf "Underworld" insgesamt wieder einen etwas progressiveren Touch. Bassist Michael LePond und Schlagzeuger Jason Rullo sind eine perfekt eingespielte Rhythmustruppe. Technisch sind beide absolut versiert und spielen speziell in den härteren Stücken wie "Kiss Of Fire" auf absolutem Weltklasseniveau.
KAMELOT haben mit "Haven" dieses Jahr bereits einen Anwärter auf das Album des Jahres abgeliefert. Ich behaupte mal, dass SYMPHONY X das nochmals toppen und mit "Underworld" ein Brett vom Feinsten abgeliefert haben. Vielleicht wird man in ein paar Jahren rückblickend von einem Genreklassiker sprechen, wer weiß das schon?
In den letzten Monaten habe ich viele sehr gute Alben im Player gehabt. Aber die Höchstpunktzahl vergebe ich doch sehr ungern, muss doch immer noch etwas Luft für DAS Album drin sein. "Underworld" ist so ein Album. 10 Punkte sind hier Pflicht und ich wünsche es der Band, dass sie mit diesem Meisterwerk den verdienten Erfolg haben wird.
Holger
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