TREMONTI

Cauterize

Nachdem mich das Solo-Debüt des mehrfachen "Guitarist of the Year" (Guitar World) in 2012 davon abhielt, in meiner Freizeit auch noch mal andere Platen anzuhören, konnte ich meine Spannung auf ein zweites Album kaum bändigen, das nun Anfang Juni veröffentlicht wurde. "Cauterize" eröffnet sich bereits mit dem ersten Hördurchgang, und noch viel intensiver nach der x-ten Rotation, als konsequenter Nachfolger von "All I Was", und das mit einer völlig unverfrorenen Selbstverständlichkeit für exorbitant mehr Härte. Schon der Opener " Radical Change" ehrt seinen Namen mit einem Thrash Metal Riff plus Beat vom ersten Takt an und präsentiert TREMONTI 2015 mit Facelift in Sachen Kompromisslosigkeit. Von einer "radikalen Änderung" würde ich jedoch nicht sprechen, da sämtliche Trade"Marks" (kleines Wortspiel) nach wie vor im Vordergrund stehen: Kompakte Arrangements, gnadenlos präzises Riffing, eingängige Hooks und große Gesangsmelodien, die in dieser Anhäufung ihres Gleichen suchen!

Hatte man Mark beim Debüt noch "gesangliche Schwächen" und erkennbare "stimmliche Grenzen" unterstellt, so werden jene Großmäuler auch diesmal nur einen Myles Kennedy (ALTER BRIDGE) zum Vergleiche ziehen wollen, während die eigenen Fähigkeiten wahrscheinlich nicht einmal zu "Lalelu" ausreichen würden! Abgesehen davon, dass man Äpfel nicht mit Birnen vergleicht - schon mal gehört, dass es Unterschiede von Tenor zu Bariton gibt? - und Tremonti in seiner Solo-Band auch musikalisch völlig anders als bei seinen anderen Arbeitsstätten ALTER BRIDGE und CREED zu Werke geht, bin ich mehr als überzeugt von der sogar weiter entwickelten und gereiften Stimme von Mark Tremonti, der gerade in mehrstimmigen Parts (Gitarren-Kollege Eric Friedman übernimmt hier weiterhin die tenoralen Backings) das Optimum seiner Stimmlage in Perfektion in die Songs gebettet hat. Und da ich als Sänger ein völlig stimmfixierter Hörer bin, erlaube ich mir, allen Nachplapperern zu raten, einfach mal die Luke zu schließen und sie nur bei Themen wieder zu öffnen, bei denen sie entsprechendes Wissen mitbringen!

Nach dem fetten und immens eingängigen "Radical Change" reißt die brachiale Geschwindigkeitsbremse "Flying Monkeys", wie eine Abrissbirne schwingend, die Bude nieder, und der Kopf muss unweigerlich zum tonnenschweren Riffing moshen. Wow! Doch die Variabilität geht noch endlos weiter... es folgen der Titeltrack "Cauterize", mit seinem triolischen Mörderriff und der Gänsehaut bereitenden Strophen-Melodie; dann der nächste Nackenbrecher "Arm Yourself", der wieder unverblümt aufs thrashige Gaspedal tritt, und nicht selten an Bay Area Ikonen wie TESTAMENT oder EXODUS erinnert, um dann im Refrain und besonders im Mittelteil die so typische alternative, grungige Herkunft durchschimmern zu lassen... "Dark Trip" ist dann der erste Track des Albums, der theoretisch auch auf einem ALTER BRIDE Silberling zu finden sein könnte, wobei ich mir die Vocals von Kennedy beim besten Willen nicht (besser) vorstellen kann, ohne das Düstere darin durch eine zu spitze Stimme zu zerstören.

Auch die restlichen Songs sind bis zum Finale nach einer knappen dreiviertel Stunde erstklassige Kompositionen aus der Feder des mit Preisen überhäuften Songwriters Mark Tremonti. Neuzugang am Bass ist Wolfgang van Halen, der jedoch live das ein oder andere Mal fehlen dürfte, wenn er sich mit seiner Family-Truppe VAN HALEN verdingt (zuletzt erst beim Auftritt bei ROCK IM PARK geschehen). Bei der Produktion hat man auf Altbewährtes gesetzt und erneut Produzent Michael "Elvis" Baskette ins Boot geholt, der bereits den Vorgänger betreut hatte und seit vielen Jahren quasi Stammproduzent für ALTER BRIDGE ist. Trotz dickem Soundgewand steckt hier der einzige Kritikpunkt an "Cauterize" im Detail (der auch für einen halben Punkt Abzug sorgt): Lassen wir das massiv verwendete Delay (Echo) auf dem Gesang, das dennoch passend eingesetzt wurde, mal großzügig außer Acht, wird der vielerorts (besonders im Metalcore auf Breakdowns) gerne bemühte, hinzugespeiste "Boum" nicht nur bis zum Anschlag ausgenutzt, sondern regelrecht überstrapaziert! Pro Song darf man dann schon mal vier bis sechs Boden vibrierende Woofer-Rülpser über sich ergehen lassen, was einfach mit der Zeit nervt. Dabei wäre das tatsächlich so verzichtbar, da der Sound nur so vor Bass strotzt.

Nichtsdestotrotz ist TREMONTI mit "Cauterize" ein grandioses, kompromissloses zweites Album gelungen, das, so Mark himself, nicht lange alleine bleibt... beim Aufnahmeprozess wurden nicht nur die zehn Songs für "Cauterize" sondern gleich noch mal so viele für ein drittes Werk recordet, das in nicht allzu ferner Zukunft auf die Fanschar losgelassen werden kann... Mark peilt dafür schon Anfang 2016 an! Mit dieser Aussicht auf noch mehr Musik vorliegender Qualität, zücke ich erwartungsvoll eine gezinkte 9 - also neben dem halben Punkt Abzug für den "Boum" noch einen weiteren halben - um für weitere Superlative noch Luft zu lassen!

Max

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