UNHEILIG
Gipfelstürmer
Bei UNHEILIG scheiden sich die Geister. Da gibt es die, die mit dem Deutsch singenden Quasi-Gothic-Grafen nicht viel anfangen können und dann gibt es die "Unheiligen" die sich in der Shoutbox der Bandseite gegenseitig Gute Nacht und einen schönen Sonntag wünschen. Selbst Erstere dürften aber spätestens nach dem Nummer 1-Erfolg "Geboren um zu leben" des sechsten Studioalbums (zumindest) anerkennend nicken. Denn ungeachtet der Geschmacksfrage, ist der Sänger, welcher nur unter dem Namen "Der Graf" bekannt ist, ein Musiker, der immer am Ball geblieben ist, weil er Musik machen wollte und einen Traum hatte. Gute fünfzehn Jahre besteht die Band nun und hatte vor dem kommerziellen Durchbruch im Jahr 2010 bereits fünf Studioalben veröffentlicht. So eine lange Liste ist beachtlich und birgt sicherlich auch einige Selbstzweifel und finanzielle Durststrecken. Seit fünf Jahren ist der Aachener mit dem etwas anderen Mutton Chops Bart auch außerhalb der "schwarzen Szene" berühmt und so erfolgreich wie nie.
Am 5. Oktober 2014 mussten die Unheiligen dann schlucken, denn der Graf gab in einem offenen Brief das Ende von UNHEILIG bekannt, weil er sich mehr seiner Familie widmen möchte. Bis es wirklich vorbei ist, haben die Fans noch Gelegenheit sich mit dem letzten Album "Gipfelstürmer", von dem der Graf behauptet, es sei sein bestes Werk, in Dauerschleife beschallen zu lassen. Hallentour sowie Abschiedstournee werden fast ein ganzes Jahr lang stattfinden.
Die Lebewohl-Platte macht bereits mit dem Intro deutlich, worum es geht. Die Melodie freudig und etwas melancholisch, wird vom Pfeifen einer Dampflok begleitet, das die letzte Reise einläutet. Irgendwie episch! Ab jetzt können alle nochmal den Weg zum Gipfel musikalisch mitgehen. Aber bevor der Graf auf die Tränendrüse drückt, bedient "Hinunter bis auf Eins" die härtere Fanbase mit so auffallender RAMMSTEIN Reminiszenz, dass man fast "Feuer frei!" rufen möchte. Auch das Ende erinnert irgendwie an "Sonne", naja, den Stil haben die Pioniere der Neuen Deutschen Härte zwar nicht gepachtet, aber das ist schon sehr auffällig. Der zweite Song "Zeit zu gehen" ist dann quasi der gesungene Abschiedsbrief, der noch einmal deutlich macht: Alle Träume sind gelebt. Enttäuschend holperig wirkt das folgende "Weisheiten des Lebens", vor allem texttechnisch ist die Message viel zu banal verpackt. Was der Graf aber kann, ist Lieder im "Geboren um zu leben"-Stil zu schreiben. So auch "Zwischen Licht und Schatten" in dem es auch wieder um die Verabschiedung eines geliebten Menschen geht. Die Lebenserfahrung von UNHEILIG macht dieses Thema immerhin authentisch, die Plattenfirma wird sich aber auch vorab schon mal die Hände gerieben haben. Die drei nächsten Songs sind wieder eine positive, nachdenkliche Hommage an das Leben, das kann er, der Graf, keine Frage. Jetzt ist aber auch langsam allen klar, was sein Lieblingsthema ist.
Nun aber wieder etwas Rockigeres. Die Erwartung geht bei "Echo" leider nicht auf. Voll auf die Zwölf hört sich irgendwie anders an, das geht noch besser. Bevor der zweite Versuch gestartet werden kann, werden aber mit "Mein Berg" sofort wieder ruhigere Töne angeschlagen. Selbstzweifel und die Suche nach Anerkennung sind Thema und beschreiben den Grafen vor seiner großen Zeit. Schöne Klaviermelodie mit streicherunterlegtem Refrain. Aber jetzt wieder härter bitte! "Goldrausch" ist laut Verfasser ein Gaudi-Lied, das ironisch ausgelegt ist und einfach Spaß machen soll. Das klingt schon besser als "Echo". Danach verschwindet "Dem Himmel so nah" im Einheitsabgesang. Ja wir wissen jetzt, es ist Schluss. "Wir sind die Gipfelstürmer" hätte auf der Platte ruhig weiter vorne sein können, das kommt live bei den Fans sicher richtig gut an. Dann kommt die Dampflok an der Endstation an, zum Schluss steht man am stillen Bahnsteig und hört nur noch den Wind rauschen.
UNHEILIG schafft es vielleicht nicht, seine "harten" Fans für seine schlagerartigen Songs vollends zu begeistern und umgekehrt sicher auch nicht. Aber "Gipfelstürmer" hat für jede Fan-Fraktion etwas dabei und ist ein großes Lebewohl für alle, da lässt man bei den häufigen Floskeln auch mal 5e grade sein. Richtig begeistern wird er trotz vieler Preise dennoch nur die Unheiligen und andere Rezipienten. Mich erreicht "Gipfelstürmer" nur partiell, dafür hört sich der Schmalz oft zu kalkuliert an. Bergsteigen ist doch irgendwie anstrengender als man denkt.
Inka
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